Vom Weberhandwerk zur Textilindustrie
Anfang des 19. Jahrhunderts, als in England und  Frankreich die als „industrielle Revolution" beschriebene Umwälzung der  Produktionsverhältnisse  von der   Manufaktur- zur  Fabrikproduktion   in vollem Gange war, hinkte  die   wirtschaftliche Entwicklung  in den   deutschen Kleinstaaten  noch weit   hinterher. Im Vergleich der  deutschen   Regionen galt die Lausitz  zu dieser Zeit   als Armutsregion,  weitgehend von   der Landwirtschaft geprägt,  mit kargen   Böden und bewachsen von  dürrem   Heidekraut und Kiefern.  Mitte des 19.   Jahrhunderts hatten sich in  einzelnen   kleinen Städten wie Guben,  Forst, Cottbus,   Finsterwalde und  Spremberg   Manufakturen  herausgebildet,   vor allem im Bereich der  Textilproduktion.   Vor der starken englischen  Konkurrenz   hatte sie zeitweise die  napoleonische   Kontinentalsperre  geschützt. Unmittelbar nach   dem Wiener Kongress, der  die gesamte   Niederlausitz wieder  Preußen zusprach, erhielten 1816 die beiden englisch-belgischen Industriellen  William und John Cockerill Fabrikkonzessionen in Cottbus und in der etwa 40 km  entfernten Stadt Guben. Dort entstanden Fabriken, eine mit modernen, in England  entwickelten Arkwright-Maschinen eingerichtete Wollgarnspinnerei in Cottbus, und  wenige Jahre später er erste Dampfmaschinenbetrieb. Die Manufaktur- und  Fabrikgründungen in dieser Zeit gingen in der Regel auf gebildete und reisende  Kaufleute zurück, die sich ihre Anregungen zumeist nach dem Prinzip reisen,  spionieren, kopieren in England holten. 
So entwickelte sich die Lausitzer Textilindustrie mit den Produktionsbereichen Spinnerei, Weberei, Färberei, Appretur über die Hut- und Putzmacherei bis zur Schneider- und Weißnäherei. Dabei wurden vor allem Wolle Baumwolle und Leinen verarbeitet.
Der technische Fortschritt und die Veränderungen der Märkte hinterließen nicht nur in der traditionellen Handweberei, sondern auch in der Landwirtschaft ihre Spuren. Dies betraf vor allem die Anbau- und Weidegebiete, die das Weberhandwerk und die Textilindustrie mit Rohstoffen versorgten. Früher weideten in der Lausitz große Schafherden, deren Wolle neben dem Flachs den Rohstoff für das schon seit Jahrhunderten heimische Weberhandwerk bildete. Als die einheimische Wolle nicht mehr reichte, wurde zunehmend Schafwolle eingeführt, z. B. aus Australien. Sie war erheblich günstiger, so dass sich die Schafzucht im großen Maßstab in der Lausitz bald nicht mehr lohnte. Der Gründungsboom begann in der Lausitz erst im späten 19.Jahrhundert    - beschleunigt durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und nach der Reichsgründung 1871.
Die sprunghafte Entwicklung Berlins als industrielles Ballungszentrum und nationale Metropole innerhalb eines Zeitraumes von nur 40 Jahren hatte einen wesentlichen Anteil an dem Aufbau der Fabrikproduktion in der Lausitz und an dem Ausbau der Verkehrswege. Der Bedarf der rohstoffhungrigen, bevölkerungsmäßig explodierenden Stadt war kaum stillbar: So vervierfachte sich die Bevölkerungszahl Berlins zwischen 1871 und 1910 von 931984 auf 3734258 Einwohner. Berlin wurde in dieser Zeit zur größten Baustelle Europas und benötigte auch Baustoffe aus der Lausitz, vor allem Ziegel, ebenso Sand, Kies und Fensterglas. Die Materialien für die vielen neuen Verwaltungsbauten, Fabrikgebäude, Mietskasernen und Militärkasernen, für Brücken, Bahnhöfe, Kirchen, Stadtvillen und Abwassertunnel kamen zumeist auf dem Wasserweg in die Stadt. Schwerbeladene Kähne waren damals pausenlos auf den Wasserstraßen Richtung Berlin unterwegs. Sie prägten das Sprichwort, dass die Stadt „aus dem Kahn gebaut ist". Darüber hinaus hatte die wachsende Bevölkerung Berlins auch Bedarf an Tuchen, Kohle, Energie und Lebensmitteln aus der Lausitz.
Im Internet Video-Album Forst/Döbern ©2018 Henry Aurich
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